Mein-Bodensee

Das Urlaubsziel im Südwesten

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Regatta Eiserne 2010

Wie verrückt muss man eigentlich sein, um bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt zum segeln zu gehen?

Die Kleidung für das Wochenende ist auf dem Boot. Dick eingepackt sitze ich an der Pinne und stelle mir die Frage. Doch bald erübrigen sich die Zweifel. Es bläst ein kräftiger Wind mit 4-5 Bft. aus Nord-West - ideal für meinen Schlag Richtung Konstanz. Da ich vollkommen alleine auf dem See bin, genügt es die Pinne provisorisch festzumachen, um nach unten zu steigen und die kleine Fock zu holen.

Während der Motor weiter brummt, bewege ich mich vorsichtig nach vorne. Das Deck ist komplett von einer dünnen Eisschicht überzogen. Nur keine Fehler machen. Jetzt würde mich niemand finden. Auch die Schwimmweste, die ich angelegt habe, würde da wohl kaum etwas nützen. Der See hat gerade noch 6 Grad Celsius.

Ich muss mich etwas beeilen. Gegen 17.30 Uhr möchte ich mich mit meiner Mitseglerin treffen. Sie und ein Bekannter aus Konstanz bestreiten mit mir "die Eiserne".

Die Eiserne ist die letzte Regatta am Bodensee der Saison. Anfänglich aus einem Spaß entstanden, ist sie inzwischen zur zweitgrößten Regatta am See gewachsen. Segler aus Kiel reisen extra an. In diesem Jahr haben 250 Boote gemeldet - darunter ich mit meiner First 235.

Ausgerechnet bei diesen Bedingungen starte ich zu meiner ersten Regatta überhaupt. Im Sommer hatte ich schon Überlegungen angestellt, für die Rund-um zu melden. Doch dann habe ich es doch gelassen. War auch besser so denn es kamen nur fünf Boote ins Ziel. Zu flau war der Wind für die gestarteten Boote.

Dafür hat es jetzt Wind. Inzwischen ist die Arbeitsfock gesetzt. Ins Groß habe ich ein Reff gemacht. Da ich noch alleine segle, möchte ich kein Risiko eingehen. Auch mit dieser kleinen Besegelung erreiche ich ständig 5 - 6 Knoten Fahrt. Ich genieße es immer mehr.

Von Überlingen kommt die Wasserschutzpolizei angeschossen. Wahrscheinlich glauben die, dass sich ein Boot los gerissen hat. Ich lache nur. Als sie mich auf dem Boot sehen, drehen sie mit langsamer Fahrt ab.

Langsam dringt die Kälte durch die Kleidung. Eine lange Unterhose, eine Jeans und darüber die Offshorehose. Ein Unterhemd, ein Thermounterhemd, ein Pulli und eine Skijacke. Trotzdem wird es langsam kalt. Vor allem an den Füßen friere ich. Ich lasse ein paar Jauchzer los. Zum einen weil ich mich über den genialen Wind freue und zum anderen weil es gegen die Kälte hilft - meine ich.

Langsam wird es dunkel. Früh schalte ich mein Mastlicht ein. Bald muss ich die Fährelinie kreuzen. Jetzt ist die Touristen-Saison vorbei - da fährt die Fähre nicht mehr so oft. Das ist mir recht denn ich empfinde das Queren der Fährelinie immer als stressig.

Das letzte Tageslicht hat sich inzwischen im Westen verabschiedet. Ich versuche meine Mitseglerin über das Handy zu erreichen. Mist, jetzt gibt auch noch der Akku vom Handy auf. Dem ist es wahrscheinlich zu kalt. Es reicht gerade so, sich zu verabreden. Sie ist an der Fähre. Südlich davon ist ein Hafen, der mir erst letzte Woche aufgefallen ist, als ich mit der Fähre gefahren bin. Jetzt im Dunkeln ist von der Hafeneinfahrt jedoch nichts zu sehen - ich sehe nur schwarz. Zum Glück habe ich im Sommer ein Garmin Oregon gekauft. Das navigiert mich jetzt sicher zum Hafen. Ich muss mich vollkommen auf das GPS-Signal verlassen. Nach etwas suchen ist die Einfahrt gefunden und meine Mitseglerin an Bord. Weiter gehts nach Konstanz.

Inzwischen hat Schneetreiben eingesetzt. Im Dunkeln sehen wir ein anderes Segelboot das ein weiteres schleppt. Wir kreuzen jetzt unter Segel im Konstanzer Trichter. Immer mehr Segelboote entdecken wir - lauter Verrückte.

Gegen 19.30 Uhr haben wir festgemacht. Inzwischen sind wir beide durchgefroren. Raus aus der Segelhose und rein in "Steg 4". Hier steigt inzwischen die Party der Eisernen. Telefonisch habe ich mich mit Martin verabredet - einem Bekannten, den ich im Segeln-Forum kennen gelernt habe. Im Sommer sind wir uns ständig hinterher gesegelt, ohne uns zu treffen. Jetzt klappt es endlich einmal. Seine Crew ist teilweise vorhanden; der Rest soll morgen dazu stossen.

Langsam kribbeln die Füße wieder. Ein beruhigendes Gefühl - sie leben noch. Nach zwei Weizenbier sieht die Welt schon wieder viel besser aus. Jetzt steht uns eine kalte Nacht bevor - eine Heizung habe ich nicht an Bord. Vor 10 Tagen hatten wir fast noch sommerliche Temperaturen. Aber so schnell kann es gehen, im Spätherbst.

Aus meiner Bergsteigerzeit habe ich noch einen sehr guten Daunenschlafsack. Da habe ich selbst bei -20 Grad keine Probleme. Die Nacht hat es -8 Grad.

Am Morgen ist alles mit Rauhreif bedeckt. Der Steg hat sich in eine Eisbahn verwandelt. Jeder Segler zieht sich mühsam den schrägen Steg hinauf - wer kommt schlittert, mehr oder weniger gekonnt, den Steg hinunter.

Die warme Dusche tut gut. Inzwischen ist mein Bekannter aus Konstanz aufgetaucht. Zusammen holen wir die Segelanweisung und ziehen weiter ins Cafe Aran. Dort frühstücken wir erst einmal und studieren nebenher den Kurs. Vom Regattasegeln hat jeder von uns genauso wenig Ahnung. Aber wir haben uns eingelesen und einige Informationen sind in der Segelanweisung zu finden.

Um 10.45 Uhr ist die Steuermannsbesprechung. Deshalb dränge ich zum Aufbruch. Ich möchte noch das Vorsegel anschlagen, und das Boot so weit wie möglich vorbereiten. Das Deck ist immer noch spiegelglatt. Neben uns kratzen sie mit der Startnummer das Eis vom Gelcoat. Ob das einen Sinn macht?

Nach der Steuermannsbesprechung geht es raus. Von den 250 gemeldeten Booten sind vielleicht etwas mehr als 200 übrig geblieben. Nicht alle wollten sich das Erlebnis bei diesen Bedingungen gönnen. Im Jahr zuvor hatte es beinahe frühlingshafte Temperaturen. Dieses Jahr wird die Eiserne ihrem Namen gerecht.

Mit uns fährt das Startboot raus. Wir versuchen ihm zu folgen, um wenigstens zu wissen wo der Start ist. Von den Plänen, die Startlinie abzufahren, bleibt nichts übrig. Der Wind bläst wieder mit 4 - 5 Bft und dazu hat es noch eine ungewöhnliche Welle. Es mutet fast wie auf See an. Dazu 200 Boote, die sich in der Startzone tummeln - es ist eng. Wir verlieren das Startboot aus dem Blick. Dafür haben wir die Startboje entdeckt. Die Segelanweisung habe ich ins Cockpit geklebt. Um 12.10 Uhr sollte unser Start sein. Wir müssen uns auf die Schüsse verlassen. "Hast du ein Schuss gehört?" meine Verunsicherung wächst. Wir sind drei Minuten über Zeit doch bis jetzt kein Schuss. Alle Schüsse kommen fünf Minuten verspätet. Wir orientieren uns an den anderen Booten, die wie wir einen blauen Bändel am Achterstag haben - das ist unsere Gruppe.

Wieder ein Schuss. Ist das unserer? Die ersten Boote mit blauen Bändel gehen über die Startlinie - wir hinterher. Egal, das muss jetzt unser Start gewesen sein. Wir gehen nahe der Boje über die Startlinie. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als auf Backbordbug zu segeln. Das ist zwar die Seite mit Vorfahrtsrecht, aber der Streckbug wäre auf Steuerbordbug. Doch wer will jetzt durch 200 Boote einen Spießrutenlauf machen? Ich nicht! Deshalb segeln wir weiter. O.k. dann sind wir jetzt eben auf dem Holebug. Sobald sich das Feld etwas verteilt hat machen wir eine Wende. "Hat jemand die erste Boje gesehen?". Nein, bis jetzt ist keine Boje in Sicht. Also weiter den anderen hinterher - wird schon stimmen.

Gestartet sind wir mit einem Reff im Groß und der großen Genua. Jetzt lässt der Wind etwas nach. Ich mache das Reff raus. Die erste Boje ist locker umrundet - ich hatte mir das enger vorgestellt. Den Schlag zur zweiten Boje erwischen wir sehr gut. Rechtzeitig mache ich noch eine Wende, um noch einmal Höhe zu gewinnen. Dann geht es um die zweite Boje.

Auf dem Weg zur zweiten Boje hatten wir noch überlegt, ob wir bei dem starken Wind den Gennaker setzen sollen. Doch jetzt hat der Wind noch einmal nachgelassen. Also entscheide ich die Genua runter zu nehmen und den Gennaker zu setzen. Zuerst gehen wir auf raumen Kurs. Doch der Wind lässt jetzt immer mehr nach und die nächste Tonne liegt jetzt genau vor uns - einen Spinnaker sollte man jetzt haben. Aus der Not heraus segeln wir einen Schmetterling mit dem Gennaker. Immerhin kommen wir so wieder auf 2 - 3 Knoten. Vor der Tonne dreht der Wind wieder etwas und wir segeln wieder raumen Kurs. Die Halsen mit dem Gennaker brauchen einen Mann auf Vordeck, der die 35 Quadratmeter Stoff sortiert. Auf allen vieren bewege ich mich zum Vorstag. Mit einer Hand festhalten mit der anderen den Gennaker auf die andere Seite bringen. Jetzt geht es zur Ziellinie. Zusammen mit einer Bavaria 35 Match Race kommen wir ins Ziel - nach 1h 26min gesegelter Zeit haben wir es geschafft.

Die Ergebnisse werden erst am nächsten Tag bekannt gegeben. Für die Regattaleitung beginnt jetzt das große Rechnen. Wir verabreden uns mit Martin und seiner Crew zum Essen im Elefanten. Wir lassen den Tag Revue passieren. Es wird viel gelacht und einige Seglergeschichten wechseln die Seiten.

Für die nächste Nacht stellt uns Martin einen kleinen Heizlüfter zur Verfügung.

Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück ins Konzil. Die ersten Bilder werden mit einem Projektor an die Leinwand geworfen. Gespannt warten wir auf das Ergebnis. Platz 12 in unserer Yardstick-Klasse. Das ist o.k. angesichts der vielen Fehler, die wir gemacht haben.

Mit meiner Mitseglerin mache ich mich auf den Rückweg. Der See liegt heute vollkommen still. Wind aus Nordost wäre angekündigt gewesen - doch wo ist er? Nach dem Passieren der Fährelinie entdecken wir die ersten unruhigen Wasserflächen. Bei Uhldingen können wir die Segel setzen und der Motor verstummt. Wieder sind wir vollkommen alleine auf dem See. Der Wind ist genau richtig für unsere Richtung ziemlich genau aus Nord. So segeln wir am Wind Richtung Bodman. Herrlich!

Gegen 15.00 Uhr haben wir festgemacht und die Sachen von Bord geholt. Es hat sich gelohnt, das Boot so lange im Wasser zu lassen. Aber jetzt ist definitiv eine schöne Segelsaison 2010 zu Ende.